Fitness-Kurs?
Brauchen Mütter von Kleinkindern nicht. Bei Disziplinen wie
Maxi-Cosi-Lifting und Duplo-Stein-Slalom verbraucht man locker das
Dreifache an Kalorien.
Früh morgens bin ich noch optimistisch. Das Sportprogramm wimmelt nur so von Bauch-Beine-Po-Kursen. Einen davon werde ich besuchen. Ganz sicher. Spätestens zum Sandmännchen tritt die Ernüchterung ein. Und mit ihr eine bleierne Müdigkeit. Lange ärgerte mich das, bis ich - Mutter von zwei temperamentvollen Söhnen - erkannte, dass ich permanent Sport treibe. Extremsport genau genommen.
Der beginnt schon kurz nach Mitternacht. Im Zwei-Stunden-Rhythmus fällt Jonne der Schnuller aus der Schnute, dazwischen will er die Flasche und nicht wieder einschlafen. Man selbst ist dabei ordentlich in Wallung. Hinlegen, aufstehen, Kind wippen. Wieder hinlegen, aufstehen, hinlegen. Das trainiert neben dem Nervenkostüm die Bauchmuskeln.
Morgens geht es sportlich weiter. Nach dem Warm-up (Legosteine umschiffen, Krümel fegen, fallende Blumenvasen fangen) wartet der erste große Kraftakt: Anziehen. Kaum rücke ich mit den Klamotten an, geht das Theater los. Jaro nimmt mit einem kichernden „Fang mich doch!“ Reißaus. Zwei Runden flitze ich ihm rund um den Esstisch hinterher und stülpe die Strumpfhose über zwei zappelnde Beine. Jonne hat sich derweil im Vorhang verfangen und ist rücklings gegen die Bettkante geknallt. Lautes Gebrüll. Also noch eine Runde um den Esstisch. Mit Jonne im Arm, versteht sich. Fettverbrennung de luxe.
Endlich ist es soweit. Beide Kinder sind angezogen, Maxi-Cosi und Pfandflaschen ins Auto gehievt - losfahren können wir trotzdem nicht. Jaro hat „Bodo“ vergessen, sein Stoffkrokodil. Muttern rennt also noch mal los. Schnell. Sehr schnell, weil es wie aus Eimern schüttet.
Im Einkaufscenter ist der Fahrstuhl defekt und so komme ich gleich in den Genuss der nächsten Übung: Rolltreppen-Gymnastik. Mit einer Hand Jaro, mit der anderen den Kinderwagen stützen. Und immer schön Balance halten, damit die voll gestopfte Tasche mit den Flaschen nicht von der Schulter rutscht. Gestemmtes Gesamtgewicht: Rund 25 Kilo. Gefühlter Kalorienverbrauch: 300.
Zu Hause angekommen, will Jaro Laufradfahren. Heißt für mich: Stärkung der Oberkörpermuskulatur. Frido in die Bauchtrage, Hände an die Griffe und in dieser ungemütlichen Position drauf los schieben. Abstecher zum Spielplatz. Jaro halten, der mit matschigen Stiefeln die Rutsche hochklettert und gleichzeitig Jonnes Keks aus dem Ausschnitt angeln. Inzwischen fühlen sich die neun Kilo Babygewicht wie 29 an. Anschließend Rad (Jaro ist die Lust am Fahren vergangen) und Kinder nach Hause schleppen.
Da folgt die Königsdisziplin: Baden. Schweißüberströmt hocke ich neben der Wanne, bis die Oberschenkel zittern. Am meisten Kraft kostet das Haare waschen. Gespült werden darf nämlich nur mit einem winzigen Spielbecher. So einer mit Löchern unten drin.
Weitere 100 verbrauchte Kalorien später stecken meine Jungs in ihren Schlafanzügen. Und als das Sandmännchen fröhlich zum Abschied winkt, fallen mir vor Erschöpfung die Augen zu. Gleich würde der Fitness-Kurs starten. Lächerliche 45 Minuten lang. Meiner startet kurz nach Mitternacht. Und ist ehrlich gesagt viel lustiger.
Ähnlich erschienen in "Leben & erziehen", April 2012