Hilfe, ich bin ein Mamagei


Aufräumen“, „Mütze aufsetzten“, „Nein, keine Kekse“ - wer wie ich den ganzen Tag in einer Dauerschleife gefangen ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn der zweijährige Sohn plötzlich genauso lehrermäßig daherkommt.



Manchmal fühle ich mich wie eine Schallplatte mit Sprung. Spätestens am Frühstückstisch geht es los – dann sage ich die Sätze, die ich jeden Morgen sage: „Iss bitte vernünftig, Jaro“, „Nimm die Finger aus dem Glas“, „Jonne, setz dich auf den Popo“, „Nein, das Brot gehört nicht auf den Fußboden.“
Wie ein dressierter Papagei flattere ich umher und versuche die Kindermeute zu bändigen. Aber die Wirkung, die mein – zugegebenermaßen abgenutztes – Wortgut erzielen soll, bleibt aus: Finger stecken im Glas, Brote kleben – natürlich mit der Marmeladenseite nach unten – am Boden, Kinder fallen um ein Haar aus ihren Hochstühlen.


Und trotzdem mache ich munter weiter: „Hör auf deinen Bruder zu ärgern“ - „Gib ihm das wieder“ - „Nein, nicht hauen“ - „Mit harten Sachen schmeißt man nicht“ - „Lass die CDs im Regal!“ - Willst du nicht endlich mal aufs Töpfchen?“ - „Okay, ein Stück Schokolade. Aber dann eine Sanduhr lang Zähne putzen.“
Ich bin in einer Dauerschleife gefangen. Derzeit auf Platz 1 meiner meist gesprochenen Sätze: „Warte. Waaaaaarte“, dicht gefolgt von „Das Sofa ist kein Trampolin“. Außerdem mehrmals täglich im Repertoire: „Nein, es gibt keine Kekse mehr“, „Lass die Mütze auf“ und „Ich sag das jetzt zum letzten Mal“.
Man sollte immer genügend Feuchttücher in der Tasche haben
Natürlich sagt man nie etwas zum letzten Mal. Unermüdlich wiederholt man sein Anliegen – und stellt dabei mit Erschrecken fest, dass man redet wie seine eigenen Eltern. Dann sagt man plötzlich Dinge wie „Gleich ist das Maß voll“, „Mund zu beim Kauen“ und „Ab in dein Zimmer“. Oder man zählt in drohender Stimmlage bis drei.


Erfahrungsgemäß führt die „Ich-zähl-jetzt-bis-drei“-Taktik selten zum Erfolg. Bei mir zumindest nicht. Dann greife ich noch tiefer in die Trickkiste und heraus kommen: „Wenn-dann-Sätze“. Genau jene, die man selbst als Kind abgrundtief gehasst hat: „Wenn du jetzt schön brav aufräumst, darfst du das Sandmännchen sehen.“ Oder, alternativ, wenn meine Nerven bereits blank liegen: „Du räumst jetzt sofort auf, sonst gibt’s kein Sandmännchen!“


und Chaos im Haushalt

Und kennen Sie die Masche mit der beleidigten Leberwurst? Die funktioniert bei mir am besten: „Gut, dann wirst du halt krank“, behaupte ich, wenn mein Sohn mal wieder die Hausschuhe nicht anziehen will. Oder, erfolgversprechender: „Pöh, bring ich dir nächstes Mal eben keine Süßigkeiten mehr mit.“
Apropos Süßigkeiten: Abends, wenn die Kinderlein schlafen, zieht es den Mamagei, der endlich mal seinen Schnabel hält, magisch an den Schrank mit der Nervennahrung. Letzte Woche hatte ich mir gerade ein Stück Schokolade in den Mund geschoben, als hinter mir eine kleine Gestalt im Schlafanzug auftauchte. „Was hast du im Mund, Mama?“ - „Brot“, log ich und versuchte, so gleichgültig wie möglich auszusehen. Da stellte sich die knapp ein Meter große Süßigkeiten-Polizei auf die Zehenspitzen, zeigte aufs Papier und rief empört: „Odeade!“ Ich konnte also nicht wie geplant mit meiner Lieblingsschokolade vor den Fernseher, sondern musste schnurstracks ins Bad. Dort wurde die Sanduhr betätigt und ein strenger Kontroll-Blick aufgesetzt. In diesen drei Minuten Zähneputzen stellte ich mit Entzücken fest, dass scheinbar doch was ankommt von meinem Geplapper...

Ähnlich erschienen in "Leben & erziehen", 1/2013