Wenn das Wunschbaby ein Mädchen sein soll und auch beim zweiten Anlauf das Gegenteil eintritt, braucht man starke Nerven. Und Nachhilfe in Sachen Landmaschinen.
„Wollen Sie das Geschlecht wissen?“
Ich nicke wie eine ausgehungerte Henne. Meine Hände sind schweißnass
und in meinem Kopf kreist nur dieser eine Gedanke: „Na los, sag
schon. Sag, dass es ein Mädchen wird.“ Sekunden später verharrt
der Sensor unter meinem Bauchnabel. Und ich schließe die Augen, um
sicherzugehen, dass keine optische Täuschung vorliegt. Aber als ich
sie wieder öffne, sehe ich ihn immer noch: Einen dicken Strich
umgeben von zwei Kugeln. Paff, das ist wie ein Schlag ins Gesicht.
Vorbei der Traum von lilafarbenen Sommerkleidchen und geflochtene
Zöpfen.
Schon in meiner ersten
Schwangerschaft habe ich mir nichts sehnlicher als ein Mädchen
gewünscht. Ein zuckersüßes Ding mit blonden Locken. Eines, das
zu einer selbstbewussten Frau heranwächst, mit der ich shoppen gehen
kann. Eine Tochter, die ich bei Liebeskummer tröste und der ich
voller Mitgefühl eine Wärmflasche auf den Bauch lege, wenn sie ihre
erste Regel bekommt. Eine Tochter, der ich jedes Detail aus meiner
Schwangerschaft erzähle, wenn sie selbst ihr erstes Kind erwartet.
Und jetzt das. Ich bin sauer. Am
meisten auf mich selbst. Weil ich im Auto sitze und heule, während
dieses kleine, unschuldige Wesen gesund und munter in meinem Bauch
strampelt. Und alles nur, weil zwischen seinen Beinen ein Zipfel
baumelt. Pfui! Wie oberflächlich!
Ich
heule, weil zwischen seinen Beinen ein Zipfel baumelt.
Pfui!
Dabei
habe ich doch versucht, mich auf diesen Moment vorzubereiten.
Mir genau ausgemalt, wie das ist, mit zwei Jungen. Nur für alle
Fälle, damit die Enttäuschung nicht zu groß ist. Aber es hat nicht
funktioniert. Weil mein Herz nicht mitgespielt hat. Weil da tief im
Inneren dieses Mädchengefühl war.
Gefühlen sollte man nicht trauen.
Genauso wenig wie chinesischen Mondkalendern im Internet, die zu
meiner großen Freude das rosa Symbol angezeigt haben.
Glücklicherweise bin ich nicht die einzig Verrückte auf diesem
Gebiet. Victoria Beckham zum Beispiel. Die hat Ausdauer bewiesen und
bekommt nach drei Versuchen endlich ihr lang ersehntes Mädchen.
Sollte ich auch so lange weiter probieren, bis es klappt? Nein, der
Gedanke mit vier Kerlen unter einem Dach zu wohnen – unvorstellbar!
Die alten
Griechen gingen die Sache damals viel pragmatischer an. Um einen Sohn
zu zeugen, drehten sich die Männer zum Beischlaf nach rechts. Und
Franzosen banden sich für das gleiche Ziel im 18. Jahrhundert den
linken Hoden ab. Eigentlich gut, dass meine zweite Schwangerschaft
nicht so schnell geplant war. Vermutlich hätte ich mich dem
Baby-Orakel vollends hingegeben und die unzähligen Tricks zur
Geschlechtsbestimmung tatsächlich angewandt. Tapfer drei Tage vor
dem Eisprung untenrum mit Essig gespült und anschließend in
Missionarsstellung gevögelt – höchst konzentriert darauf, dabei
keinen Orgasmus zu bekommen, weil das die Chance auf ein Mädchen
erhöht.
Ein energisches „Attaaaaa“ reißt
mich aus den Gedanken. Ich stöhne innerlich. Es gibt so viel Schönes
da draußen zu sehen: Kühe, Sonnenschirme, Apfelbäume: Aber nein,
mein Sohn hat nur Augen für Autos. Je größer die sind, desto
langgezogener das A am Ende. Eine Leidenschaft, die ich nicht
nachvollziehen kann. Und die mich oft an meine Grenzen bringt. Ich
weiß zum Beispiel bis heute nicht, was genau das rote Gefährt in
seinem Lieblingsbuch darstellen soll. Einen Mähdrescher?
Kartoffelroder? Glücklicherweise ist Jaro erst eins und kommentiert
meine unbefriedigende Beschreibung („Auto“) mit einem zufriedenen
„Brummbrummm“. „Bald hast du zwei so Autofanatiker auf der
Rückbank sitzen“, schießt es mir durch den Kopf. Und gleichzeitig
schäme ich mich für diesen Gedanken. Weil Jaro das Schönste ist,
was mir im Leben passiert ist.
Trotzdem, auch Tage später kann ich
die gut gemeinten Sätze meiner Freunde nicht ertragen. Ganz oben
auf der Hitliste, dicht gefolgt von „Hauptpsache gesund“: „Ist
doch praktisch, dann brauchste keine neuen Klamotten kaufen.“
Hallo? Will ich aber! Das macht doch gerade am meisten Spaß!
Es ist verrückt, was mit mir passiert.
Dass ich meine Schwangerschaft plötzlich gar nicht mehr genießen
kann. Dass ich einen Stich im Magen spüre, wenn kleine Mädchen an
mir vorbei laufen. Und dass ich erleichtert aufatme, wenn
Gleichgesinnte erzählen, dass sie ebenfalls einen (oder auch den
zweiten) Jungen bekommen.
Schicksal?
Wie missgünstig ich auf diesem Gebiet
bin, wird mir entgültig klar, als wenig später meine ebenfalls
schwangere Freundin anruft und nach viel Herumgedruckse beichtet,
dass sie zu 90 Prozent ein Mädchen bekommt. Ein komisches Gefühl
beschleicht mich. Eine Form von Traurigkeit. Neid. Jetzt werde ich
immer dran erinnert. An meinen großen Wunsch. An die Enttäuschung.
Sie kann sich einen der zahlreichen, wunderschönen Mädchennamen
aussuchen. Ihre Tochter wird gesittet mit ihren Kuscheltieren
spielen, während meine Jungs die Barbies zu Pistolen formen und
„Peng“ rufen.
Erst neulich - Obi hatte
verkaufsoffenen Sonntag - wurde mir der Unterschied zwischen den
Geschlechter wieder deutlich. Ich beobachtete eine Gruppe Mädchen,
die an einem Basteltisch saß und Ostereier bepinselte. Und dann sah
ich Jaro, wie er todesmutig einen aufgetürmten Parkettstapel
bestieg. Würde er mir jemals selbstbemalte Eier schenken?
Aber das Schicksal wird die Sache schon
richtig eingefädelt haben. Ich würde wahrscheinlich gar nicht mit
pubertierenden Mädchen klar kommen. „Du bist eben eine Jungsmama“,
sagte meine Freundin neulich. Irgendwie hat mich das beruhigt. Und
als Jaro mir am gleichen Abend mit seinen kleinen Händchen den Bauch
eincremt und mir fürsorglich seinen angesabberten Keks in den Mund
steckt, ist das ganze Geschlechterdrama fast vergessen.
Vielleicht habe ich ja auch Glück und
das zweite Exemplar wird ein ruhiger Vertreter, der Autos genauso öde
findet wie ich. Und wenn mich meine Jungs mit ihrem Gebolze doch mal
in den Wahnsinn treiben, ziehe ich ihnen zur Strafe einfach lila
farbende Kleidchen an. Im Gegenzug (oder im Falle selbst gebastelter
Oster-Geschenke) kann ich ja dann einen Kurs für Landmaschinen
besuchen...
Erschienen in "Grazia", Mai 2011



